Vom Backpacking zum LinkedIn-Business: unterwegs den eigenen Weg finden | mit Clara Sophie Bellstedt
In El Nido auf den Philippinen regnete es den ganzen Tag. Es war Regenzeit, die Boote fuhren nicht, und wer dort war, saß in den Cafés fest. Clara Sophie Bellstedt war vor Ort und machte aus dem Regen ein Experiment, das zum Startschuss für ihr Business wurde. In Teil 1 erzählt sie, wie aus einer Backpacking-Reise ein Leben unterwegs wurde, wie sie zu LinkedIn kam und wie dort Vertrauen entsteht.
Erfolg heißt für Clara, viele Gläser zu füllen
Bevor wir über ihre Reise sprechen, will ich wissen, was Erfolg für sie bedeutet. Clara koppelt Erfolg vor allem an Glück.
Dazu erzählt sie von einer Theorie, nach der du im Leben verschiedene Gläser füllst. Liebe und Beziehung gehören dazu, Freunde, der Job oder das Business, auch der Sport. Erfolg ist für sie, wenn kein Glas leer bleibt und sie immer wieder dabei ist, alle aufzufüllen. Clara ist 26, und das hat mich beeindruckt. Im Regelfall kommen wir erst mit 30, 35 oder 40 an den Punkt, an dem Erfolg mehr umfasst als die Arbeit.
Mit 10.000 Euro nach Asien
Reisen war Clara schon immer wichtig. 2014 schaute sie viele Reise-YouTuber, 2016 ging sie mit gerade 16 für ein Austauschjahr nach England. Dort wählt man nur vier Fächer, auf die man wirklich Lust hat, Mathe muss nicht dabei sein. Dieses Jahr, sagt sie, hat wirklich etwas mit ihr gemacht.
Nach dem Studium ging es mit ihrem Partner direkt nach Asien. Geplant waren 18 Monate, jeder hatte 10.000 Euro angespart. Wie sie das auf Dauer finanzieren würden, wussten die beiden damals noch nicht. Schnell merkten sie, dass sie etwas kreieren wollten. Sie sprachen in Cafés Leute an, arbeiteten als Volunteers und machten am Ende den Tauchschein bis zum Tauchlehrerschein, danach arbeiteten sie als Tauchlehrer. Clara sagt, sie hätten viele Versionen von sich gelebt, und eine davon war LinkedIn-Marketing.
Offiziell staatenlos
Nach 18 Monaten außerhalb Deutschlands war klar, dass sie weitermachen wollten. Für Clara war die Abmeldung der einzig logische Schritt, zum Jahreswechsel 2024 auf 2025. Seitdem ist sie, wie sie sagt, offiziell staatenlos.
Ich wollte wissen, wie sich das anfühlt. Erst einmal ein bisschen scary, sagt sie. Niemand ist mehr da, der sich um dich kümmert, kein Freund weiß so richtig, wo du gerade bist, oft liegt noch eine andere Zeitzone dazwischen. Clara nennt sich dann einen lone wolf, der allein durch die Städte zieht. Gleichzeitig hat sie es als extrem befreiend erlebt. Auf einmal ist jedes Land ein mögliches Einwanderungsland, und in jeder Stadt stellt sie sich die Frage, ob sie hier leben will.
Was ihr in jedem neuen Land zuerst auffällt
Beim Gespräch war Clara in den Niederlanden, ganz spontan hingefahren. Mit jedem Land, sagt sie, werden ihre Vergleiche besser, und viele Kleinigkeiten fallen ihr gleich am Anfang auf. In den Niederlanden wird sie extrem schnell angesprochen, auf der World Pride in Amsterdam kamen Locals von allen Seiten und fragten, woher die beiden kommen. In Rotterdam hörte sie in den Restaurants viel Spanisch. Die Mitarbeiter erzählten ihr, dass viele aus Nordspanien kommen, weil sie hier mehr verdienen.
Ihr Ankommen folgt meist demselben Muster. Zuerst geht es ums Einkaufen, weil sich die Supermärkte von Land zu Land stark unterscheiden. Danach sucht sie ein schönes Café zum Arbeiten, inzwischen auch Unterkünfte, in denen sie arbeiten kann, dazu ein Fitnessstudio. Zwischen Rotterdam und Amsterdam entscheidet sie sich klar für Amsterdam, eine internationale Großstadt, in der du jeden Tag auf ein Event gehen könntest und keines musst.
Wie die Fotografin bei LinkedIn landete
Schon während des Studiums war Clara als Fotografin selbstständig. Nach jedem Shootingtag lud sie die Fotos auf LinkedIn hoch, und daraus kamen tatsächlich Aufträge. Ein Unternehmen schrieb ihr etwa, es habe gesehen, dass sie bei einer Firma in Dresden war, ob sie nächste Woche auch vorbeikommen könne. Von Vertrieb und Outreach hatte sie damals keine Ahnung, sie hat einfach gepostet.
Auf der Reise sah sie dann viele Videos aus den USA zum Thema Geld online verdienen, und immer wieder hieß es, LinkedIn Ghostwriting boomt gerade. Zwei Dinge haben sie daran gereizt. Sie liest seit Langem gern Unternehmerbiografien und wollte nah an die Menschen heran, über deren Geschichten sie schreibt. Dazu gefällt ihr das Geschäftsmodell mit Retainer-Kunden, mit denen sie lange zusammenarbeitet und zusammenwächst. LinkedIn ist für sie die Plattform, auf der sich Marketing über Posts mit Vertrieb über persönliche Nachrichten besonders gut verbinden lässt.
30 Tage Regen und der erste Kunde
Damit sind wir zurück in El Nido. Clara schrieb sich einen Lernplan, was sie an welchem Tag machen und erreichen wollte. Die ersten drei, vier Tage nutzte sie, um die Plattform zu verstehen. Dann kam ein Post mit der Hook „Ab jetzt führe ich eine Dreiecksbeziehung", gemeint war, dass sie neben der Fotografie jetzt auch Texte schreibt. Der Post ging ein bisschen viral.
Referenzen waren ihr wichtig, weil sie nichts versprechen wollte, was sie nicht einlösen kann. Ein paar Texte hatte sie aus früheren Stellen, etwa Amazon-Produktbeschreibungen. Zusätzlich fragte sie Chris, ihren alten Chef aus der Werkstudentenzeit, ob sie sein Profil einen Monat lang mitbetreuen darf. Die ersten Anfragen nach dem viralen Post wurden nichts. Drei, vier, fünf Posts später meldete sich Benjamin, ein sehr junger Agenturgründer. Im Verkaufsgespräch legte Clara offen, wo sie stand, und zeigte ihm die beiden Profile.
Benjamin war sofort dabei, und für Clara war das der Einstieg.
Vertrauen beginnt mit Gemeinsamkeiten
Ich habe Clara gefragt, wie auf LinkedIn Vertrauen entsteht. Für sie lässt sich das psychologisch gut erklären. Vertrauen beginnt mit Sympathie, und Sympathie entsteht vor allem durch Gemeinsamkeiten. Wer in seinen Posts zeigt, dass er gern reist, trifft auf Menschen, die denken, ich reise auch gern, da muss ja was sein.
Es funktioniert auch im Kleinen. Teilt jemand eine Statistik zur Altersarmut und hängt einen eigenen Satz an wie „Ich finde, das geht gar nicht", sagt der Leser: Ich auch nicht. Schon gibt es eine Gemeinsamkeit, und aus der entsteht im Gehirn Sympathie und damit Vertrauen.
Nimm deinen nächsten Post, in dem du eine Zahl, eine Studie oder eine Nachricht teilst. Setz einen eigenen Satz dazu, der zeigt, wie du darüber denkst, so wie in Claras Beispiel.
Schau danach, wer reagiert und mit welchen Worten. Genau dort entstehen nach Claras Erklärung die Gemeinsamkeiten, aus denen Vertrauen wächst.
30 Kontaktpunkte, bevor jemand Ja sagt
Das Zweite, sagt Clara, ist die Zahl der Kontaktpunkte. Je öfter dich jemand sieht und an dich erinnert wird, desto mehr Vertrauen entsteht in der Regel. Bei ihren Kunden rechnet sie mit mindestens zwei bis drei Monaten, bis ein Grundvertrauen da ist, wahrscheinlich zunächst nur im bestehenden Netzwerk. Im B2B nennt sie mindestens 30 Kontaktpunkte, also Posts, Nachrichten und Profilbesuche, bevor jemand sagt, das könnte jetzt etwas für mich sein. Je mehr Anbieter am Markt sind, desto mehr braucht es.
Wie das wirkt, hat sie an sich selbst beobachtet. Sie hat sich ein Hometrainer-Fahrrad gekauft, und eine Firma schickt ihr aktuell jeden Tag E-Mails, deren Texte sie extrem schlecht findet. Trotzdem fragt sie sich, ob das ihre Kaufabsicht sogar erhöht, weil sie die Firma jeden Tag sieht, auch wenn sie die Mails gar nicht unbedingt öffnet. Ihr Schluss daraus sind mehr Kontaktpunkte, die dann auch besser gemacht sind.
Was Frank aus dem Gespräch mitnimmt
- Erfolg hat viele Gläser, Liebe, Freunde, Business und Sport, und jedes will gefüllt werden.
- Offen zu sagen, wo du gerade stehst, kann im ersten Verkaufsgespräch den Ausschlag geben.
- Vertrauen braucht Zeit, im B2B rechnet Clara mit mindestens 30 Kontaktpunkten.
Wie es in Teil 2 weitergeht
Das war Teil 1 von 2. Im zweiten Teil erzählt Clara von ihren Lieblingsländern wie Mexiko und Brasilien und davon, was hinter ihrem Satz „It's a people's business" steckt. Sie spricht über die Woche, in der sie alle Kunden verloren hat, über LinkedIn Premium und über KI-Agenten wie einen News-Radar. Mehr über Clara Sophie Bellstedt findest du weiter unten.
Clara Sophie Bellstedt
Clara Sophie Bellstedt ist Gründerin von Rise with Agency und baut für B2B-Unternehmen Vertriebssysteme auf LinkedIn auf. Gestartet ist sie 2023 auf den Philippinen, mitten auf ihrer Reise durch Asien. Seitdem hat sie über 50 Unternehmen begleitet. Unterwegs ist sie bis heute, von ihren Reisen erzählt sie unter dem Namen Boarding Away auf YouTube und Instagram.
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