Alle Kunden in einer Woche verloren: Kundengewinnung neu lernen | mit Clara Sophie Bellstedt
Einen Monat vor ihrer Rückkehr nach Deutschland war sich Clara Sophie Bellstedt sicher, dass sie es geschafft hatte. Sie hatte vier oder fünf Kunden und verdiente mehr als viele Angestellte. Dann sagten innerhalb einer Woche alle ab. In Teil 2 erzählt Clara, was sie aus dieser Woche gemacht hat, warum für sie in jedem Land am Ende die Menschen zählen und wofür sie heute KI in ihrer LinkedIn-Agentur einsetzt.
Warum am Ende immer die Menschen zählen
Ich wollte von Clara wissen, wonach sie in einem neuen Land entscheidet, ob sie länger als zehn Tage bleibt. Ihre Antwort kommt ohne Zögern: Für sie sind es zu 100 Prozent die Menschen. Bewusst geworden ist ihr das, als sie ein Video anderer digitaler Nomaden sah, für die vor allem die Landschaft zählt. Rückblickend wurden ihre Lieblingsländer immer deshalb zu Lieblingsländern, weil sie dort tolle Menschen kennengelernt hat, Locals genauso wie andere Expats und Digital Nomads.
Ganz oben steht Mexiko, ein großes Land mit viel Kultur, sehr bunt, und das Essen ist für Clara der Wahnsinn. Weit oben liegt auch Brasilien, wo sie die Menschen als gelassen, hilfsbereit und vor allem empathisch erlebt hat. In einem Museum über die Schulen des Landes sah sie, dass Empathie dort als höchster Wert beschrieben wird, als Soft Skill, den die Schulen ihren Schülern beibringen wollen. Dazu mag sie südeuropäische Länder wie Spanien, in denen das Leben im Vordergrund steht, der Sonnenuntergang, Sport, Surfen und das Zusammensitzen mit Freunden.
In vielen asiatischen Ländern hat sie die Menschen dagegen als sehr höflich und zurückhaltend erlebt. Clara mag es lieber, wenn man sich gleich auf Augenhöhe begegnet. In Asien hatte sie oft das Gefühl, als weiße Person höher gestellt zu werden, und dabei fühlt sie sich nicht wohl.
Drei Learnings aus Reisen und Business
Viele ihrer Learnings, sagt Clara, kommen immer wieder, bis irgendwann ein Aha-Moment kommt, der sich im Reisen und im Business gleichermaßen spiegelt. Das erste lautet: It’s a people’s business. Spätestens wenn du beim Wachsen an deine eigene Grenze kommst, geht es um Teamaufbau und um die Beziehungen zu Team und Kunden.
Das zweite hat mich besonders beschäftigt. Egal, welches Problem gerade ansteht oder an welcher Schwelle du stehst, fast immer ist es ein Gespräch, das du führen musst. Bei Clara ist es oft genau das schwierige Gespräch, vor dem man sich drückt, weil man es emotional noch nicht angehen möchte.
Das dritte Learning nutzt sie, um schnell mit Menschen in Verbindung zu kommen: etwas von sich preisgeben, das andere so schnell nicht preisgeben würden. Auf Reisen hört sie von Locals oft, wie toll es sein muss, ständig unterwegs zu sein, und für viele Menschen in ihren Ländern ist so ein Leben viel schwerer zu erreichen. Clara erzählt dann, dass sie das sehr zu schätzen weiß und sich trotzdem oft wie ein Lone Wolf fühlt. Dieser offene Satz öffnet sehr schnell eine tiefere Beziehung.
Auf einem Netzwerkevent in Berlin mit vielen anderen LinkedIn-Marketern hat sie es genauso gemacht. Statt beim üblichen „alles läuft gut“ zu bleiben, fragte sie: „Hey, ich hab gerade dieses Problem mit einem Kunden. Hattest du das auch schon mal?“ Kurz darauf stand die Idee im Raum, miteinander zu arbeiten.
Ein freundliches Nein am Strand
Was Clara aus Brasilien mitnehmen möchte, ist eine kleine Szene, die sie oft erlebt hat. Wenn Bettler oder Strandverkäufer mit Käse, Chips oder Getränken vorbeikamen, schauten ihre brasilianischen Begleiter ihnen in die Augen und sagten freundlich „No, sorry“. Niemand tat so, als wäre der andere nicht da, manchmal entstand sogar ein ganzes Gespräch.
Mir fiel dazu ein Erlebnis an der Costa del Sol ein. Ich war abgelenkt und sagte einem Strandverkäufer aus dem Senegal nur kurz „Nee, danke“. Er sagte mir, das sei doch kein Grund, so flippig zu reagieren. Am Ende haben wir uns die Hand gegeben, zusammen Kaffee getrunken, und wir grüßen uns bis heute.
Clara hat dafür eine Erklärung. In Deutschland, sagt sie, trennen wir Service und Mensch oft voneinander. Der Verkäufer bleibt in seiner Rolle, und wir wollen das Gespräch möglichst effizient beenden, damit er weitermachen kann und wir auch. Böse gemeint ist das nicht, ob es der richtige Weg ist, bezweifelt sie trotzdem.
Die Woche, in der alle Kunden absagten
Als Ghostwriterin arbeitet Clara in einem Markt mit sehr vielen Anbietern. Ich habe sie deshalb nach ihren Fehltritten gefragt, und sie fing gleich mit dem krassesten Wendepunkt an. Ihre Kunden kamen damals alle aus dem E-Commerce-Umfeld, Agenturen mit E-Commerce-Kunden, ein eigener Shop und eine Ghostwriting-Agentur, für die sie als Freelancerin schrieb. In einer Phase, die für den E-Commerce sehr schlecht lief, beendeten alle innerhalb einer Woche die Zusammenarbeit.
Clara kam mit null Kunden nach Deutschland zurück. Weil es am Anfang so einfach gewesen war, an Kunden zu kommen, wusste sie nicht genau, wie Kundengewinnung eigentlich funktioniert. Von ungefähr 5.000 Euro ging es auf null, und das nächste Reiseziel war ausgerechnet Barcelona.
Sie machte ein Gruppencoaching für Selbstständige und probierte danach sehr viel aus: kurze und lange Nachrichten, Automation, Videonachrichten, viel und wenig Recherche, getestet in den verschiedensten Branchen. Heute sagt sie, dass sie es vorher vielleicht ein bisschen zu einfach genommen hat und dass ihr Skillset und ihr Unternehmen durch diese Wochen extrem gewachsen sind. Kundengewinnung ist inzwischen genau der Schwerpunkt ihrer LinkedIn-Agentur, die anderen Firmen dabei hilft.
Lohnt sich LinkedIn Premium?
Zwischendurch wollte ich wissen, ob man auf LinkedIn einen Pro-Account braucht. Clara würde ihn jedem empfehlen, der LinkedIn ernst nimmt. Mit Premium siehst du, wer dein Profil besucht, gerade wenn du regelmäßig postest, und kannst Leute aus deiner Zielgruppe direkt anschreiben. Ohne Premium beschränkt LinkedIn die Personensuche. Suchst du zum Beispiel nach Geschäftsführern in Aachen, bekommst du nur fünf, sechs Leute angezeigt und kannst nur zwei, drei Suchen am Tag machen. Dazu kommen mehrere Banner und ein ausgefüllter Servicebereich. Für die rund 40 Euro im Monat lohnt sich das für Clara auf jeden Fall.
Schau dir diese Woche an, wer dein Profil besucht hat, nachdem du gepostet hast. Such dir zwei, drei Menschen aus deiner Zielgruppe heraus und schreib ihnen eine kurze, persönliche Nachricht.
Genau dafür nutzt Clara die Profilbesucher, und so wird aus einem stillen Besuch ein Gespräch.
KI als Verstärker, der Mensch als Unterschied
Viele sehen bei KI nur zwei Extreme, sagt Clara, entweder ist der eigene Job weg oder man wird mit KI Millionär. Sie selbst sieht KI als Enabler, der ihre eigenen Gedanken potenziert. Heute ist es für viele Unternehmen noch ein Unterschied, ob sie einen Marketer mit oder ohne KI einkaufen. In einem Jahr, glaubt Clara, nutzt jeder KI auf einem sehr guten Level, und dann ist der Mensch wieder der Unterschied. Ihr Rat ist deshalb, sich nicht in der KI zu verlieren, sich selbst treu zu bleiben und die eigene Kreativität zu fördern.
Fertige Posts lässt sie sich nicht einfach schreiben. Ihre KI-Agenten arbeiten vor allem im Backoffice. Für jeden Kunden läuft sonntags zwischen 18 und 18:30 Uhr ein News-Radar, der 100 Quellen liest, Fachzeitschriften, Newsletter, Artikel und Podcasts, und zusammenfasst, was im Feld des Kunden wirklich neu ist. Montags werden daraus Beiträge geschrieben, die spätestens am Donnerstag erscheinen. Seitdem haben sich die Impressionen bei ihren Kunden oft verdoppelt.
Nach demselben Prinzip gibt es einen PR-Radar, der die 100 wichtigsten Zeitschriften und Podcasts nach Gelegenheiten für einen Pitch durchsucht. Dazu kommen laufende Analytics, auch zur Konkurrenz, und ein VA-Bot pro Kunde. Braucht ihr Team zu einer News noch drei Antworten vom Kunden, schreibt der Bot die Mail gleich vor, mit Zusammenfassung, Link zum Weiterlesen und den drei Fragen, auf Wunsch auch per WhatsApp. Wer Woche für Woche überlegt, was sich so wegnehmen lässt, kann laut Clara schnell das Doppelte an Arbeit schaffen.
In zwei Jahren eine andere Persona
Zum Schluss habe ich Clara gefragt, wo sie in zwei Jahren steht. Vor zwei Jahren war sie noch nicht ausgewandert, hatte kein Team und kein stabiles Business mit langfristigen Kunden, ihre Rolle war vor allem das Abarbeiten für andere. Heute ist sie schon stärker in der Unternehmerrolle. In zwei Jahren möchte sie noch mehr zur Enablerin werden, für KI, Prozesse und Systeme und auch für Talente. Gemeint sind Menschen, die richtig gut sind, Sales aber nicht so gut können. Clara will sie in ihren Kreis und ihre Dienstleistung holen, ein Gewinn für den Kunden, den Freelancer und ihr Unternehmen. Sie nennt das Enabler und Aggregator.
Misserfolg, Erfolg und der erste Schritt
Am Ende gab Clara allen, die gerade etwas vorhaben, einen Gedanken mit, bei dem ich nur sagen konnte: Schreibt euch das auf.
Ihr Rat dazu ist schlicht, einfach den ersten Schritt zu gehen.
Was Frank aus dem Gespräch mitnimmt
- Ein Rückschlag kann das eigene Können wachsen lassen, wenn du ihn nutzt, um Neues auszuprobieren.
- Fast immer ist es ein Gespräch, das du führen musst, und oft genau das, vor dem du dich drückst.
- KI lohnt sich vor allem im Backoffice, der Unterschied bleibt der Mensch mit seinen eigenen Gedanken.
Zum Schluss
Das war Teil 2 von 2. Wie Clara mit 10.000 Euro nach Asien aufbrach, warum sie heute offiziell staatenlos ist und wie sie in der Regenzeit auf den Philippinen zu LinkedIn fand, erzählt sie in Teil 1. Mehr über Clara Sophie Bellstedt findest du weiter unten.
Clara Sophie Bellstedt
Clara Sophie Bellstedt ist Gründerin von Rise with Agency und baut für B2B-Unternehmen Vertriebssysteme auf LinkedIn auf. Gestartet ist sie 2023 auf den Philippinen, mitten auf ihrer Reise durch Asien. Seitdem hat sie über 50 Unternehmen begleitet. Unterwegs ist sie bis heute, von ihren Reisen erzählt sie unter dem Namen Boarding Away auf YouTube und Instagram.
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