PODCAST-FOLGE

Demenz, warum Menschen in Ruhe lassen der falsche Weg ist | mit Mirta Rostas

Folge 59 mit Mirta Rostas

Ein ganz anderes Thema in dieser Folge. Es geht um Demenz. Mirta Rostas ist seit zwölf Jahren in der Pflege, leitet eine Demenz-Wohngemeinschaft und hat ein Übungsbuch aus der Praxis geschrieben. Wir sprechen darüber, was Erfolg für sie bedeutet, wie ihr Buch entstand und warum es der falsche Weg ist, Menschen mit Demenz einfach in Ruhe zu lassen.

Was Erfolg für Mirta bedeutet

Am Anfang steht die Frage, die ich jedem Gast stelle. Was ist Erfolg? Für Mirta hat er wenig mit Geld oder Auszeichnungen zu tun. Erfolg heißt für sie, eine eigene Idee wirklich in die Tat umzusetzen. Das erfüllt sie, das macht ihr Freude. Genau das hat sie mit ihrem Buch getan, und deshalb zieht sich dieser Gedanke durch das ganze Gespräch.

Erfolg ist, meine Idee in die Tat umzusetzen.

Ein Buch aus der Not heraus

Ihr Demenz-Übungsbuch ist mitten in der täglichen Arbeit entstanden, aus der Not heraus. Mirta hat verschiedene Materialien für die Beschäftigung ausprobiert, mal halfen sie, mal nicht. Also fing sie an, selbst Übungsblätter zu erstellen und sie in ihrer Wohngemeinschaft zu verteilen, abgestimmt auf die Lebensgeschichte der Menschen. Ihre eigenen Blätter wirkten besser als die gekauften Bücher. Daraus wurde die Idee, das Wissen zu sammeln und als Buch auch anderen zu geben, Angehörigen wie Pflegekräften, denen der Zugang zur Welt der Betroffenen oft schwerfällt.

Wie man Menschen mit Demenz begegnet

Schon beim Wort Patient winkt Mirta ab, sie spricht lieber von Menschen mit Demenz. Dahinter steckt ihre ganze Einstellung. Wie begegnet man ihnen? Wertschätzend, sagt sie, ohne zu überfordern und ohne zu drängen. Nichts überstülpen, einfach da sein und Zeit finden. Jeder Mensch, egal wie krank, verdient einen Umgang, der seinen Fähigkeiten entspricht. Ihr Bild dafür ist schön. Man begleitet den Menschen sanft in seine Welt, dorthin, wo er Freude finden kann.

Was ein guter Moment ist

Wie misst man Erfolg bei diesem Thema? Mirta bleibt ehrlich, so richtig messen lässt er sich nicht. Was sie beschreibt, ist Wohlbefinden. Einmal in der Woche kommt bei ihr jemand für zwei Stunden, es wird gesungen und gemalt, und die Menschen sind voll dabei. In dieser Zeit vergessen manche ihre Einschränkungen, sogar ihre Schmerzen treten in den Hintergrund. Wichtiger als jede Zahl ist für sie, dass ein Mensch spürt, jemand ist da und findet Zugang zu seiner Welt, ohne ihn zu korrigieren. Dieses Gefühl, sagt sie, klingt über den Tag nach.

Jeder Mensch möchte wahrgenommen werden.

Konkrete Übungen für zu Hause

Was kann man selbst tun? Der erste Schritt ist für Mirta ein Stück Detektivarbeit an der Biografie. Was hat der Mensch früher gemacht, was hat ihm Freude bereitet? Eine Bewohnerin war Schneiderin, also redet man übers Nähen, über Stoffe, über die alte Nähmaschine, und schon entsteht ein langes Gespräch. War jemand LKW-Fahrer, geht es eben um Autos. Singen hält sie für besonders wertvoll, weil man beim Singen kaum negative Gedanken haben kann. Auch Malen und alles Händische hilft. Menschen mit einer schweren Demenz erreicht man oft nur noch über Lieder, dorthin dringt die Musik, wo Worte nicht mehr ankommen.

Ehrlich bei der Krankheit

Bei einer Frage bleibt Mirta klar und nüchtern. Lässt sich Demenz aufhalten oder verhindern? Dagegen, sagt sie, ist kein Kraut gewachsen. Ein gesunder Lebensstil und gute Ernährung sind sinnvoll, doch belastbare Studien, dass sich Demenz damit vermeiden lässt, gibt es nicht. Medikamente sollen den Verlauf verlangsamen, genau erforscht ist auch das nicht. Ihr Buch verspricht deshalb keine Heilung. Es schenkt schöne, wache Momente, und das ist schon viel.

Weil das das Leben ist.

Warum Aktivierung so wichtig ist

Warum soll man einen Menschen mit Demenz nicht einfach in Ruhe lassen? Mirtas Antwort ist knapp. Weil das das Leben ist. Egal wie gesund oder krank jemand ist, er möchte dazugehören. Menschen mit Demenz können ihren Alltag nicht mehr selbst organisieren, also sind wir gefragt. Sich zu kümmern heißt dann mehr als pflegen, mehr als Essen und Tabletten. Es heißt reden, zuhören, in Kontakt bleiben.

Der kreative Weg zum Buch

Auffällig war, wie leicht ihr das Schreiben fiel. In dreieinhalb Monaten hat Mirta das Buch in ihrer Freizeit erstellt, den Inhalt rund sechzehnmal überarbeitet, den Umschlag gut dreißigmal. Einen Durchhänger hatte sie nie, weil sie von ihrem Produkt überzeugt war. Kreatives Arbeiten, sagt sie, ist ihr Glück, und im Beruf kommt es oft zu kurz, also holt sie sich den Ausgleich in der Freizeit. Wenn sie spürt, dass etwas Sinn hat, kommt sie in einen Zustand, in dem sie voll aufgeht.

Zum Ausprobieren

Hast du einen Angehörigen mit Demenz, fang bei seiner Lebensgeschichte an. Schreib auf, was er früher gern gemacht hat, sein Beruf, sein Hobby, seine Musik. Such dir daraus ein einziges Thema und stell offene Fragen dazu.

Wenn nichts mehr geht, sing gemeinsam. Ein bekanntes Lied erreicht oft noch, wo ein Gespräch nicht mehr hinkommt.

Franks drei Learnings

Was Frank aus dem Gespräch mitnimmt

  1. Begegne Menschen mit Demenz wertschätzend, ohne sie zu drängen oder zu überfordern.
  2. Finde über die Lebensgeschichte einen Zugang, ein Beruf oder Hobby öffnet ganze Gespräche.
  3. Hast du eine Idee, fang einfach an und hol dir Feedback.

Ihre Botschaft: einfach machen

Zum Schluss frage ich Mirta, was sie Menschen mitgeben will, die eine Idee haben, sich aber nicht trauen. Ihre Antwort passt zu allem, was sie erzählt hat. Einfach anfangen und sich Feedback holen. Viele denken, was sie zu sagen haben, wisse ohnehin jeder. Das stimmt nicht, sagt sie. Jede Information, von der ein anderer profitiert, ist wertvoll. Ihr Buch erscheint gerade auf Türkisch, Russisch und Arabisch, weitere Themen sind geplant. Ihr letzter Satz ist zugleich der beste Rat der Folge, einfach machen.

Was du mitnehmen kannst

Wenn ich diese Folge auf einen Gedanken bringe, dann diesen. Ob bei einem Menschen mit Demenz oder bei deiner eigenen Idee, es kommt auf die Zuwendung und aufs Anfangen an, nicht auf die perfekte Lösung.

Mirtas Buch findest du unter dem Video verlinkt. Die ganze Folge gibt es oben als Video und zum Anhören. Mehr über Mirta Rostas findest du weiter unten.