PODCAST-FOLGE

Zehn Tage schweigen und die eigene Stimme wiederfinden | mit Helen Weintritt

Folge 67 · Teil 1 von 2 mit Helen Weintritt
Die Reihe mit Helen Weintritt
Teil 1 · du bist hier Teil 2 · folgt

Helen Weintritt hat zehn Tage lang geschwiegen. Kein Wort, kein Blickkontakt, einfaches Essen, ganz bei sich. Sie ist gelernte Opernsängerin und arbeitet heute als Voice Coach. In diesem ersten Teil erzählt sie, wie aus einem schüchternen Mädchen eine Frau auf der großen Bühne wurde und warum ihr Körper irgendwann Stopp gesagt hat. Eine kleine Übung zum Ausprobieren bekommst du dabei auch.

Erfolg beginnt bei der inneren Wahrheit

Ich frage jeden Gast zuerst, was Erfolg für ihn bedeutet. Helens Antwort habe ich in über sechzig Folgen so noch nicht gehört. Erfolg heißt für sie, mit der eigenen inneren Wahrheit in Kontakt zu sein und das dann auf natürliche Weise auszudrücken. Das Innere kommt zuerst, der Ausdruck danach. Viele Menschen ziehen sich beim Thema Inneres zurück, sie vergleichen sich und zeigen nach außen etwas anderes, als in ihnen vorgeht. Genau da setzt Helens Arbeit an.

Erfolg bedeutet für mich, mit meiner inneren Wahrheit in Kontakt zu sein und das auf natürliche Weise in die Welt zu bringen.

Von der schüchternen Frau auf die Opernbühne

Auf ihrer Homepage schreibt Helen, dass sie eher schüchtern ist. Von der kleinen Maus auf die große Bühne, so habe ich es im Gespräch genannt. Ihre erste Opernaufführung hat sie tief berührt, die Vibrationen hat sie im ganzen Körper gespürt. Auf der Bühne konnte sie etwas ausdrücken, das ihr im Alltag schwerfiel, Gefühle, für die sie sonst keine Worte fand.

Schüchtern, sagt sie, ist am Ende nur das, was andere von außen wahrnehmen. Innen sah es anders aus. Früher hat sie das genervt, weil sie wusste, dass die Zuschreibung nur einen Teil von ihr trifft. Ob jemand sich zeigt oder zurücknimmt, hängt viel davon ab, wie wir aufwachsen und in welchen Beziehungen wir stehen.

Ich studiere Gesang

Das Gesangsstudium hat sie gefordert. Um sie herum viele, die sich glänzend präsentieren konnten. Wenn jemand fragte, was sie macht, sagte sie schlicht, ich studiere Gesang. Die anderen sagten, ich singe die Tosca. Dieser kleine Unterschied im Satz zeigt viel. Helen hat ihren eigenen Weg gesucht und Anerkennung dort bekommen, wo sie sich auf der Bühne wirklich geöffnet hat. Jedes Mal war das ein großer Schritt, und er hat sie etwas gekostet.

Ich habe immer gesagt: ich studiere Gesang. Die anderen sagten: ich singe die Tosca.

Wie aus der Sängerin ein Coach wurde

Seit vielen Jahren arbeitet Helen als Gesangspädagogin und Voice Coach mit Menschen, die beruflich viel sprechen. Es geht um Präsenz, um die Stimme und darum, über lange Zeiträume kräftig zu bleiben. Der Wendepunkt kam mit der Geburt ihres Sohnes.

In der Elternzeit hat sie sich gefragt, was sie wirklich leben und weitergeben möchte. Daraus ist Your Voice Your Value entstanden. Der Name ist Programm.

Von Person A zu A-Sternchen

Im Gespräch haben wir versucht, den Effekt ihrer Arbeit in Worte zu fassen. Jemand kommt als Person A herein, nimmt sich zurück, traut sich nicht ganz zu zeigen. Später geht dieselbe Person verändert wieder hinaus. Helen hat es genauer gefasst. Aus A wird A-Sternchen, derselbe Mensch, der mehr in Kontakt mit sich gekommen ist und sich mehr zeigen kann.

Für so eine Entwicklung arbeitet sie gern über drei Monate, weil in diesem Zeitraum wirklich Zeit für Transformation ist. Die Stimme sieht sie dabei als eigenes Wesen. Gibst du ihr Zeit und Aufmerksamkeit, zeigt sie dir mit der Zeit einen Weg. Einen Knopfdruck gibt es dabei nicht, es ist ein Prozess, an dem Helen nach eigenen Worten selbst ein Leben lang dran bleibt.

Die Stimme betrachte ich gerne als eigenes Wesen.

Verkörperung, wenn die Idee ins ganze Sein kommt

Was macht den Unterschied zwischen einer guten Idee und einem Menschen, der andere berührt? Helen nennt es Verkörperung. Viele haben tolle Ideen im Kopf. Die Frage ist, wie das nach außen kommt. Wenn jemand vollkommen mit seiner Idee verbunden ist, strahlt er sie mit dem ganzen Sein aus. Körpersprache, Stimme und Worte passen zusammen, es entsteht eine Kongruenz. So berühren uns Maria Callas oder Pavarotti, weil sie so tief mit dem verbunden sind, was sie singen.

Als der Körper Stopp sagte

Dann kam der Teil, der mir im Kopf geblieben ist. Ich habe Helen gefragt, was passiert, wenn eine Sängerin krank wird, ein Stimmbandproblem bekommt und plötzlich die Karriere auf dem Spiel steht. Sie ist da selbst durchgegangen. Ihr Weg zurück lief über das Loslassen und das Vertrauen, dass sich etwas wieder aufbaut oder woanders hinführt.

Es gibt Momente, sagt sie, da geht man gegen eine Grenze, und der Körper meldet sich. Er sagt Stopp, wenn man im Außen glänzen will und dabei die innere Stimme überhört. Für Helen war das ein Lernen darüber, wo ihre Grenzen sind und dass sie nicht immer bis zum Anschlag gehen muss.

Der Körper sagt irgendwann Stopp. So nicht.

Zehn Tage schweigen

An dieser Stelle fiel der Satz, der der Folge ihren Namen gibt. Helen war zehn Tage in einem Meditationsretreat und hat geschwiegen. Vor der Fahrt dorthin war sie sehr aufgeregt. Eine Freundin hat sie noch einmal verwöhnt und ihr das Abendessen freigestellt, weil das Essen im Retreat einfach und reduziert ist. Auf der Zugfahrt war die Anspannung groß.

Das Schweigen selbst war für sie dann kein großes Thema, sie kann gut still sein und zuhören. Viele Teilnehmer wurden immer wieder ermahnt. Es ging um mehr als das Reden, auch der Blickkontakt fiel weg, jeder ganz bei sich. Rückblickend hat Helen noch etwas erkannt. Der Wunsch, Opernsängerin auf der Bühne zu sein, war mit viel verbunden, doch er war ein erdachter Traum, den sie sich selbst gebaut hatte. Ihr eigentliches Learning liegt woanders, im Spüren der eigenen Grenzen. Daraus ist für sie ein Weg der Selbstliebe geworden, körperlich zu spüren, was ihr guttut.

Zum Ausprobieren

Nimm dir einmal am Tag einen Moment für dich, an einem ungestörten Ort. Summe ein paar Minuten und höre dir dabei selbst zu. Spür nach, bei welcher Tonhöhe es sich gut anfühlt, es gibt ein ganzes Spektrum, in dem du klingen kannst.

Helen sagt, drei bis fünf Minuten reichen schon, am besten bewusst, fast wie eine kleine Meditation. So verbindest du dich einmal mit deiner eigenen Resonanz.

Franks drei Learnings

Was Frank aus dem Gespräch mitnimmt

  1. Erfolg beginnt innen. Erst der Kontakt zur eigenen Wahrheit, dann der Ausdruck nach außen.
  2. Der Körper meldet die Grenze. Wer die innere Stimme überhört, hört irgendwann ein deutliches Stopp.
  3. Nicht jeder große Traum ist der eigene. Der echte zeigt sich oft erst, wenn man hinhört.

Was du mitnehmen kannst

Das war Teil 1 von zwei mit Helen Weintritt. Im zweiten Teil machen wir gemeinsam die Stimmübung, die du dann direkt mitmachen kannst, und wir gehen tiefer in die zehn Tage Schweigen. Die ganze Folge gibt es oben als Video und zum Anhören. Mehr über Helen Weintritt findest du gleich hier unten.

Über Helen Weintritt

Helen Weintritt ist Mezzo-Sopranistin, Stimmkünstlerin und Gründerin von Your Voice your Value. In ihrer Arbeit verbindet sie Stimme, Körper, Atem, Resonanz und Verkörperung. Ihr Ansatz geht dabei über klassisches Stimmtraining hinaus. Es geht nicht darum, die Stimme zu optimieren oder sie an äußere Erwartungen anzupassen, sondern sie wieder zu bewohnen.

Nach ihrer Elternzeit geht Helen mit Your Voice Your Value gerade bewusster ihren eigenen beruflichen Weg weiter. In dieser Phase entsteht eine Arbeit, die Menschen über die Stimme wieder in Verbindung mit sich selbst bringt. Stimme wird dabei als Zugang verstanden: zum Körper, zur inneren Wahrnehmung, zum natürlichen Ausdruck und zu dem, was auf echte Weise nach außen kommen möchte.

Helen arbeitet mit Menschen, die schon vieles ausprobiert haben, die auf der Suche sind und über das Tool Stimme einen neuen Erfahrungsraum für sich entdecken möchten. Ihre Arbeit lädt dazu ein, nicht nur über Veränderung zu sprechen, sondern sie körperlich, stimmlich und klangvoll zu erleben.

Aktuell bereitet Helen einen Videokurs vor, plant einen Podcast mit Soloepisoden und entwickelt langfristig ein Gruppenprogramm, das sich an den Phasen des Jahreskreises orientiert. Dabei geht es um Rückzug, Neubeginn, Wachstum, Fülle, Loslassen und Integration sowie um die Frage, wie Stimme, Körper und innerer Prozess miteinander verbunden sind.

Mehr von Helen: Website · Klangbrief-Anmeldung · Instagram · mail@yourvoiceyourvalue.com