Von 100 auf 0, von der Bühne in die totale Stille | mit Helen Weintritt
Helen Weintritt kommt nach zehn Tagen Schweigen zurück und wacht morgens mit Energie auf. Sie kann lange sitzen, ist verbunden, ganz bei sich. In diesem zweiten Teil erzählt die Opernsängerin, wie sich der Wechsel von der Bühne in die Stille anfühlt, was sie in den nächsten zwei Jahren vorhat und warum wir unsere echte Stimme verstellen, sobald der Kreis größer wird. Am Ende machst du eine kleine Atemübung mit, die du sofort ausprobieren kannst.
Was zehn Tage Stille verändert haben
Auf die Uhr hat Helen schon geschaut und die Tage gezählt, das gehörte dazu. Das Schweigen selbst war für sie keine große Schwierigkeit. Als sie zurückkam, war da eine andere Tiefe. Vorher hatte sie schon meditiert, danach konnte sie wirklich lange sitzen, war verbunden und wachte morgens mit Energie auf. Es hat sie in ihre Kraft gebracht und ihre Wahrnehmung gestärkt.
Eine einzelne große Entscheidung ist aus den zehn Tagen nicht entstanden. Für Helen war es eher ein Prozess. Wichtig war, dass sie diese Erfahrung überhaupt gemacht hat.
Von 150 auf 0
Den Kontrast hat Helen mit einem Bild beschrieben, das im Kopf bleibt. Du stehst auf der Bühne, hast Hunderte von Menschen vor dir, die du unterhältst. Dann bist du plötzlich von 100 auf 0. Wie auf der Autobahn, sagt sie, du fährst mit Karacho 150, 200, machst eine Vollbremsung und stehst im Stau bei null.
Ich habe ihr gesagt, dass ich mir das schwer vorstellen kann. Sprechen ist das eine, der wegfallende Blickkontakt das nächste. Für einen extrovertierten Menschen, der viel mit anderen kommuniziert, ist so ein Wechsel eine echte Herausforderung.
Zehn Tage Schweigen, würde sie es wieder tun
Ob sie das jedem empfehlen würde? Zehn Tage nicht unbedingt, sagt Helen, und es muss auch nicht diese Form sein, in der du gar nicht sprichst. Es kann genauso Phasen geben, in denen du meditierst und dich danach wieder mit anderen austauschst. Einmal in den Retreat-Modus zu gehen, das würde sie allerdings jedem ans Herz legen. Noch einmal machen würde sie es auf jeden Fall.
Als junge Mutter ist das für sie gerade nicht machbar, ihr Sohn braucht sie. Es gibt eine Faustregel, erzählt sie, dass eine Mutter so viele Tage wegbleibt, wie das Kind alt ist. Nächstes Jahr wird ihr Sohn drei, dann geht sie drei Tage auf ein Retreat. Ich habe kurz gerechnet, dann hat sie erst in acht Jahren wieder zehn Tage frei.
Was Helen in den nächsten zwei Jahren vorhat
Ich frage meine Gäste gern, wo sie in zwei Jahren stehen. Helen hat drei Dinge vor. Zuerst ein Videokurs mit dem Arbeitstitel Die Stimme als Weg, der Menschen schnell in ihre Arbeit hineinführt. Es geht ihr darum, die Stimme zu nutzen, um mit sich selbst in Verbindung zu kommen. Auf ihrer Webseite gibt es dazu weitere Infos.
Dann möchte sie einen Podcast starten, zunächst mit Soloepisoden, in denen sie ruhig spricht und Pausen macht, damit Menschen besser verstehen, was sie mit der echten Stimme meint. Als Drittes plant sie ein Gruppenprogramm von Your Voice Your Value, das die Phasen des Jahreskreises mit Verkörperung und Resonanz verbindet. Der Jahreskreis verbindet für Helen das, was draußen in der Natur passiert, mit inneren Prozessen, etwas Zyklisches, Wiederkehrendes, das sie auch in der Stimme wahrnimmt.
Warum wir unsere echte Stimme verstellen
Unsere echte Stimme haben wir alle schon gehört, sagt Helen. Im Gespräch mit dem Partner, mit den Eltern, mit den Geschwistern, mit Menschen, die uns nahestehen. Sobald wir den Kreis ein bisschen öffnen, passiert meistens etwas, wir verstellen die Stimme und sind nicht mehr ganz so echt.
Im Einzelcoaching lässt sich die eigene Stimme finden. Die andere Frage kommt danach: Kann ich sie mir bewahren, wenn ich mich wieder zeige und in ganz andere Situationen komme? Genau dafür soll das Gruppenprogramm ein Kreis von Gleichgesinnten werden, die ihre echte Stimme üben und miteinander kultivieren. Für Helen liegt darin ein großes Geschenk.
Tief atmen bis zum Beckenboden
Für die Übung ist Helen zu mir gekommen und hat gefragt, was ich mir für meine Stimme wünsche. Ich spreche manchmal stark aus dem Kehlkopf, gerade wenn ich aufgeregt bin oder den ganzen Tag geredet habe, dann rutscht die Stimme nach oben. Man sagt, die Stimme kippt, so wie die Stimmung kippt. In so einem Moment ist das ganze System auf einem anderen Stresslevel.
Helen führt in die tiefe Atmung. Tief runter, bis in den Bauch und weiter zum Beckenboden. Wenn du einatmest und weit wirst, geht das Zwerchfell nach unten, legt sich auf die Organe und drückt sie ein Stück. Schon Lao Tzu habe vor langer Zeit gesagt, erzählt Helen, dass diese Zwerchfellatmung lebensverlängernd sei. Werden die Organe so massiert, entstehen mehr Sauerstoff und mehr Durchblutung. Viele atmen dagegen oben in die Schultern und kommen mit dem Zwerchfell gar nicht nach unten.
Wenn die Stimme kippt, sprich es aus
Einen Geheimtipp hat Helen nicht, sagt sie selbst. Die Arbeit mit der Stimme braucht Zeit, am besten jeden Tag ein Stück in die tiefe Atmung. Kurz bevor du auf die Bühne gehst, gibt es keine Übung mehr, auch kein Opernsänger hat eine. Dann ist es let's go und vertrauen, ins Gelingen und ins Leben.
Ihr Tipp für den Moment der Aufregung ist einfach. Zeig dich echt und trau dich zu sagen: Ich merke, ich bin ganz schön aufgeregt, da ist viel Stress in meinem System, und meine Stimme klingt gerade so. Sprichst du es aus, ändert sich oft schon etwas, weil du es nicht mehr still mit dir ausmachst. Wichtig ist dabei die aufrechte Haltung, damit sich der Brustkorb öffnen kann. Heute sitzen viele zusammengesunken, und aus dieser Position kommt die Stimme schwer.
Warum die eigene Stimme im Video fremd klingt
Zum Schluss kamen wir auf etwas, das viele kennen. Wenn du selbst sprichst, hörst du dich anders, als wenn du dich später im Video oder im Podcast hörst. Plötzlich denkst du, was habe ich für eine schreckliche Stimme. Man selbst fühlt sich kräftig und klingt nach außen eher dünn. Genau daran lässt sich in einer Gruppe gut arbeiten.
Setz dich aufrecht hin, damit sich dein Brustkorb öffnen kann. Atme vier bis sechs Sekunden tief ein, warte vier bis sechs Sekunden und atme dann acht Sekunden langsam durch den Mund aus. Lass die Atmung tief nach unten gehen, bis in den Bauch und zum Beckenboden.
Danach nimm das Summen dazu. Ein paar Minuten summen, dich selbst hören, den Ton spüren. Helen nennt das eine gute Übung fürs Zwerchfell, die jeder anfangen kann.
Was Frank aus dem Gespräch mitnimmt
- Von 100 auf 0 ist ein echter Bruch. Wer viel spricht und dann in die Stille geht, spürt den Kontrast im ganzen System.
- Die echte Stimme zeigt sich im kleinen Kreis. Sobald es größer wird, lohnt sich das Üben, damit sie bleibt.
- Aufregung wird kleiner, wenn du sie aussprichst. Ein ehrlicher Satz verändert den Moment mehr als jeder Trick.
Was du mitnehmen kannst
Das war Teil 2 von zwei mit Helen Weintritt und damit der Abschluss dieser kleinen Reihe. Helen hat viel vor, den Videokurs, den Podcast und das Gruppenprogramm, deshalb bin ich sicher, dass wir bald wieder von ihr hören und dann über die ersten Schritte sprechen. Die ganze Folge gibt es oben als Video und zum Anhören. Mehr über Helen Weintritt findest du gleich hier unten.
Helen Weintritt ist Mezzo-Sopranistin, Stimmkünstlerin und Gründerin von Your Voice your Value. In ihrer Arbeit verbindet sie Stimme, Körper, Atem, Resonanz und Verkörperung. Ihr Ansatz geht dabei über klassisches Stimmtraining hinaus. Es geht nicht darum, die Stimme zu optimieren oder sie an äußere Erwartungen anzupassen, sondern sie wieder zu bewohnen.
Nach ihrer Elternzeit geht Helen mit Your Voice Your Value gerade bewusster ihren eigenen beruflichen Weg weiter. In dieser Phase entsteht eine Arbeit, die Menschen über die Stimme wieder in Verbindung mit sich selbst bringt. Stimme wird dabei als Zugang verstanden: zum Körper, zur inneren Wahrnehmung, zum natürlichen Ausdruck und zu dem, was auf echte Weise nach außen kommen möchte.
Helen arbeitet mit Menschen, die schon vieles ausprobiert haben, die auf der Suche sind und über das Tool Stimme einen neuen Erfahrungsraum für sich entdecken möchten. Ihre Arbeit lädt dazu ein, nicht nur über Veränderung zu sprechen, sondern sie körperlich, stimmlich und klangvoll zu erleben.
Aktuell bereitet Helen einen Videokurs vor, plant einen Podcast mit Soloepisoden und entwickelt langfristig ein Gruppenprogramm, das sich an den Phasen des Jahreskreises orientiert. Dabei geht es um Rückzug, Neubeginn, Wachstum, Fülle, Loslassen und Integration sowie um die Frage, wie Stimme, Körper und innerer Prozess miteinander verbunden sind.
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