Berufung statt Burnout: Warum Sarah Herrmann einen Beruf wollte, von dem sie nie Urlaub braucht
Sarah Herrmann hat sich lange einen Beruf gewünscht, von dem sie nie Urlaub bräuchte. Eine Arbeit, von der man sich ständig erholen muss, war für sie schon das falsche Ziel. Wie ruhig sie das im Gespräch mit Frank Kühtz sagt, bleibt hängen, fast als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.
In Folge 70 von Erfolgsklartext ist Sarah Herrmann zu Gast, eine Frau mit einem ungewöhnlichen Weg. Sie kommt aus der Medizin und hat sich nach einer schweren gesundheitlichen Krise völlig neu erfunden. Heute nennt sie sich Schriftstellerin, arbeitet mit Sprache und teilt ihre Gedanken in gleich mehreren eigenen Podcasts. Dieses Gespräch dreht sich um Berufung, Klarheit und die Frage, wie man wieder anfängt zu leben, statt nur zu funktionieren.
Erfolg ist kein fester Punkt
Für Sarah hat sich die Bedeutung von Erfolg mit jedem großen Ereignis in ihrem Leben verschoben. Eine Zeit lang ging es ihr vor allem darum, genügend Geld zu haben, um nicht über jeden Kauf nachdenken zu müssen. Heute hat sie den Erfolg noch stärker von der Zeit entkoppelt, die sie investiert. Ihr geht es weniger um das, was man vorzeigt, das Auto, das Pferd, das Segelboot aus einer alten Bankwerbung, und mehr um die Frage, was für sie persönlich die meiste Erfüllung bringt. Erfolg, sagt sie, stellt sich fast von selbst ein, wenn man das tut, was wirklich das eigene ist.
Der Wendepunkt und ein neuer Weg
Sarahs Weg dorthin war alles andere als gerade. Im Oktober 2022 zog ihr Körper, wie sie es nennt, die Notbremse, und sie musste ihr altes Leben in der Medizin hinter sich lassen. Die folgenden rund zwei Jahre beschreibt sie als Tal, aus dem sie Schritt für Schritt wieder ins Licht zurückkam, ein Stück weit wie der Phönix aus der Asche. Für ihre Genesung wurde die Spiritualität zum Wendepunkt, weil die klassische Medizin für sie zwar gut mit Notfällen umgehen kann, bei chronischen Themen aber selten die Ursache an der Wurzel packt. Veränderung beschreibt sie mit dem Bild der Raupe, die sich im Kokon vollständig auflöst, bis auf die Bausteine, bevor der Schmetterling entsteht.
Wann die Seele die Führung übernimmt
Rückblickend erkennt Sarah einen Moment, an dem sie sich zum ersten Mal fragte, was der Sinn dessen ist, was sie beruflich tut. Irgendwann, sagt sie, klopft die Seele so laut an, dass sie die Führung übernehmen will. Wer das zulässt, für den kann es magisch werden. Dann kommen die passenden Menschen, man findet in eine Gemeinschaft, in der man sich zunehmend wohler fühlt. Für Sarah gehört dazu immer wieder der bewusste Rückzug, das Alleinsein, aus dem bei ihr auch die Kreativität wächst.
Wer brennt, brennt nicht aus
Ihre Arbeit beschreibt Sarah als Berufung. Sie geht so darin auf, dass sie, wie sie sagt, gar nicht ausbrennen kann. Gleichzeitig achtet sie darauf, was dieses Feuer nährt, damit es über die Jahre nicht kleiner wird. Selbstfürsorge fällt ihr dabei schwer, sie stellt sich oft zuletzt. Genau darin sieht sie eine Lebensaufgabe, die Leistung von der Anerkennung zu lösen und sich selbst nicht immer hintanzustellen.
Wenn aus Genuss ein Gemuss wird
Ein Wort aus dem Gespräch bleibt besonders hängen. Sarah nennt es Gemuss. Im Dauerstress wird aus Genuss ein Gemuss, aus Genießen ein Müssen. Wer ständig im Stressmodus feststeckt, kann kaum noch nach links und rechts schauen, der Blick verengt sich auf den Horizont. Das Wort müssen zählt für sie zu den schwersten überhaupt. Sie kennt es aus dem größten Müssen-System, das sie erlebt hat, dem Medizinstudium mit seinen Deadlines und dem Auswendiglernen ganzer Bücher. Ihr Gegenmittel ist der bewusste Wechsel vom müssen zum dürfen.
Sie bringt dafür einen Begriff aus der Biologie ins Spiel, den Parasympathikus. Der Parasympathikus ist der Teil des Nervensystems, der für Ruhe und Erholung sorgt, oft Rest and Digest genannt. Sarah beschreibt ihn als den Zustand, in dem das Leben wieder von allein läuft, weil der Körper sich ausruhen und verdauen darf.
Warum sie sich Schriftstellerin nennt
Sarah liebt es, Wörter auseinanderzunehmen. Sie nennt sich Schriftstellerin, weil sie Buchstaben so lange durch die Gegend schiebt, bis sich neue Wörter ergeben. Aus Erfolg wird bei ihr Er-folg, und dahinter steckt die Frage, wer oder was diesem Er eigentlich folgt. In ihrer Bio steht der Begriff Kohärenzsprache. Kohärenz bedeutet Stimmigkeit. Ihre Kohärenzsprache fragt, welches Wort für einen selbst stimmig ist und wirklich mitschwingt. Sie vergleicht das mit zwei Gitarren im selben Raum: Bringt man die eine zum Klingen, beginnt die andere auf derselben Schwingung mitzuschwingen.
Intuition statt fertigem Skript
Beim Schreiben und Sprechen verlässt sich Sarah vor allem auf die Intuition. Sie startet die Aufnahme und lässt es fließen, statt ein Skript von der KI abzulesen, weil man diesen Unterschied deutlich hört. Sie beschreibt sich als Künstlerin und Kunstschaffende zugleich, als jemand, der im stillen Kämmerlein erschafft und das Ergebnis dann seinen Weg finden lässt, in Büchern oder auf einer Bühne, die andere für sie bespielen. Am Ende bleibt sie ein Tausendsassa, wie sie selbst sagt, mit einer Quintessenz, die immer wieder auf dasselbe hinausläuft, ein Leben, das möglichst in Ruhe und Stimmigkeit verläuft.
Die besten Ideen kommen in der Badewanne
Perfektionismus hat Sarah bewusst hinter sich gelassen. Statt jeden Schritt zu planen, lässt sie an vielen Tagen die Intuition den Ablauf bestimmen. Ihre besten Ideen, erzählt sie, kommen ihr in der Badewanne, ein kurzer Impuls, und dann macht sie es einfach. So entstehen auch ihre Bücher, oft im Fluss und mit Hilfe von KI. Fünfzig hat sie nach eigener Aussage schon vorbereitet, manche in nur einer Stunde. Wichtig ist ihr dabei, dass die Klarheit und die Ideen aus ihr selbst kommen, die Technik potenziert nur, was ohnehin schon da ist.
Etwas Besonderes nur für einen Menschen
Was Sarah heute konkret macht, lässt sich schwer in eine Schublade stecken. Sie arbeitet zeitlich unabhängig, spricht Meditationen und Kinderbücher ein und stellt für einzelne Menschen etwas ganz Eigenes zusammen, mal eine Zahl, mal ein Symbol, mal eine eigens aufgenommene Audio. Sie will die Geschichte ihres Gegenübers oft gar nicht zuerst hören, weil das schon eine Richtung vorgeben würde, und fragt lieber, was dem anderen gerade den meisten Mehrwert bringt. Ihren größten Luxus beschreibt sie ganz schlicht, einen Tag ohne Plan, komplett im Flow, und ein Glas Wasser vor jeder Podcast-Folge, das sie ihrem Körper einmal versprochen hat.
Warum sie den Coaching-Markt kritisch sieht
Ein Gedanke zieht sich durch das Gespräch, jeder Mensch hat seinen eigenen Plan in sich. Sarah spricht von einer Art innerer Landkarte, die man in verschiedenen Systemen ablesen kann, von Numerologie über Human Design bis zur östlichen Astrologie. Genau deshalb sieht sie einen Teil des Coaching-Marktes kritisch, jene Versprechen nach dem Muster, mach es genau wie ich und dann wirst du Millionär. Wer nur den Fußspuren eines anderen folgt, geht am Ende einen fremden Weg. Für sie beginnt Veränderung mit einer einzigen Frage, wer oder wie oder was möchtest du danach eigentlich sein.
Warum wir uns die Zeit zum Durchatmen nehmen dürfen
Ein Bild bleibt hängen, das Sarah bei Kindern und Tieren beobachtet. Sie fallen hin, stehen wieder auf und machen weiter, schütteln sich einmal kurz, und der Stress ist aus dem Körper heraus. Erwachsene verlernen genau das. Wir rennen weiter und weiter, bis wir zusammenbrechen, weil wir zwischendurch nicht stehen geblieben sind und einmal durchgeatmet haben. Herausforderungen versteht sie dabei als das, woran man wächst, ein Stück weit wie ein Hürdenspringer, der über die Hürde kommt, wenn er den richtigen Anlauf genommen hat.
Der Weg ist das Ziel
Zum Schluss spricht Sarah über ihren Blick nach vorn. Sie hat, wie sie sagt, ihr Herz am Zürichsee liegen lassen und will als Nächstes dorthin, auch wenn sie noch nicht weiß, wo auf der Welt sie am Ende leben wird. Wichtig ist ihr ein Zwischenziel und ein innerer Kompass. Wer nur auf das große Glück am Ende starrt, warnt sie, übersieht die kleinen Kleeblätter am Wegesrand. Wer einen Berg nur für den Ausblick hochläuft und den Weg dahin ätzend findet, verliert am Ende ein Stück Lebenszeit. Deshalb nimmt sie den Satz vom Weg als Ziel beim Wort.
Was du aus dieser Folge mitnehmen kannst
Vielleicht ist das die eigentliche Einladung dieser Folge. Einmal ehrlich zu fragen, was Erfolg für dich bedeutet, und ob du gerade genießt oder eigentlich nur noch musst. Genau solche Geschichten hinter der Fassade sind der Kern von Erfolgsklartext. Wenn du selbst so eine Geschichte hast, die gehört werden will, findest du bei Frank Kühtz den Rahmen dafür, sie ruhig und ehrlich zu erzählen.
Die ganze Folge mit Sarah Herrmann gibt es oben als Video und zum Anhören. Mehr über Sarah Herrmann findest du weiter unten.