PODCAST-FOLGE

Perfekte Stimme im falschen Körper: Body Shaming in der Oper | mit Sarah Funk

Folge 77 · Teil 1 von 2 mit Sarah Funk
Die Reihe mit Sarah Funk
Teil 1 · du bist hier Teil 2 · folgt

Sechs Kandidaten standen im Finale eines Stipendiums, eine davon war Sarah Funk. Sie hatte gesungen, das Geld hätte sie damals richtig gut gebrauchen können, und danach bekam sie einen Satz zu hören, der ihr Studium auf den Punkt brachte: Das sei die perfekte Stimme im falschen Körper. Sarah trug damals Kleidergröße 42 bis 44. In Teil 1 unseres Gesprächs erzählt sie, wie aus der Opernsängerin, die sich in eine Krise gesungen hatte, eine Speakerin und Mentorin wurde, die heute anderen hilft, ihre Stimme zu finden.

Erfolg heißt für Sarah, so sein zu dürfen, wie sie ist

Bevor wir über ihren Weg sprechen, will ich wissen, was Erfolg für sie bedeutet. Sarahs Antwort kommt ohne Umweg. Erfolg heißt für sie, so sein zu können, wie sie ist, sich dabei entspannt zu fühlen und etwas zu tun, das sie erfüllt und Sinn stiftet. Sie möchte das Gefühl haben, bei den Menschen etwas zu bewirken.

Als Kind wollte sie übrigens Ballerina oder Modedesignerin werden. Klar war schon damals nur, dass da ein Bühnending in ihr lebt.

17 Aufnahmeprüfungen und eine Ausbildung wie im Leistungssport

Wer in Deutschland Operngesang studieren will, muss erst einmal hinein. Hier bewirbt sich nach Sarahs Worten die ganze Welt, weil es so viele Opernhäuser gibt und die Ausbildung im Vergleich zu den USA kaum etwas kostet. Sarah hat 17 Aufnahmeprüfungen gemacht, bis sie einen Platz bekam. Bei den Vorsingen hörte sie immer wieder, dass sie dafür gemacht ist. Ohne dieses Feedback, sagt sie, hätte sie vielleicht irgendwann aufgehört.

Das Studium selbst beschreibt sie als richtig harte Schule. Allein in der Woche hatte sie etwa sechs verschiedene Unterrichte rund ums Singen, dazu Schauspiel, Opernproben, Fechten und gesungenes Italienisch. Es braucht sehr viel Disziplin, und vieles kannst du in dieser Zeit schlicht nicht tun.

Singen wie Netrebko, aussehen wie ein Model

In der Oper, erzählt Sarah, wird von dir erwartet, dass du singst wie Anna Netrebko, aussiehst wie ein Model und tanzt wie eine Ballerina. Sie konnte beim Singen rennen, springen und Pirouetten drehen, und trotzdem passte ihr Körper nicht ins Bild. Begonnen hatte das lange vor der Oper. Schon im Ballettstudio wollten alle, dass sie dünner wird, und so ging sie mit dem Gedanken ins Studium, nicht richtig und zu viel zu sein.

Body Shaming bezeichnet das Abwerten eines Menschen wegen seines Körpers. Fat Shaming ist die Form, die sich gegen Menschen richtet, die als zu dick gelten. Sarah betont, dass das Thema in alle Richtungen geht, auch sehr schlanke Frauen bekommen zu hören, dass etwas an ihnen nicht stimmt.

Bemerkenswert fand ich, wie fair sie dabei über ihre Professoren spricht. Die meisten, sagt sie, wollten, dass sie glänzt und auf der Bühne ihren Platz bekommt. Das Problem sei das Umfeld, in dem dir ständig gesagt wird, was nicht passt, und in dem du dauernd verglichen wirst. Sarah vergleicht es mit Kindererziehung. Ohne einen sicheren Hafen, ohne den Ort, an dem du weißt, dass du gut genug bist, kann sich niemand wirklich entwickeln. Sie selbst ist hochsensibel, also ein Mensch, der Reize und Stimmungen besonders fein wahrnimmt. Manche Menschen, sagt sie, wachsen wie Unkraut zwischen Betonplatten durch. Sie war kein Unkraut, sie hätte ein bisschen Sonne gebraucht.

Perfekte Stimme, falscher Körper

Dann kam das Stipendium. Von vielen Bewerbern schaffte sie es mit fünf anderen ins Finale, stand auf der Bühne, sang und hörte danach den Satz, der alles noch einmal toppte.

Das ist die perfekte Stimme im falschen Körper.

Sarah war solche Rückmeldungen gewohnt, dieser Satz hat sie trotzdem besonders getroffen. In den letzten Jahren ihres Studiums hat sie sich nach eigenen Worten immer mehr in die Krise gesungen. Schon bevor sie den Mund aufmachte, ging ihr alles zu. Wie soll deine Seele nach draußen schwingen, fragt sie, wenn du innerlich zu bist?

„Ich muss ja gar nicht“

Nach dem Masterabschluss fuhr Sarah von Vorsingen zu Vorsingen und gab einen großen Teil ihres Geldes für Zugfahrten aus. Sie stand vor Menschen, die schon alles gehört hatten, und bekam ihr Törchen nicht auf. Irgendwann kam der Moment, in dem sie dachte, dass sie diesen Weg gar nicht gehen muss. Für sie war das nicht banal. Im Studium gab es nur ein Ziel, Solistin auf der Bühne, alles andere galt als gescheitert. Heute nennt sie das Quatsch mit Soße, weil es auch für singende Menschen viele Wege gibt, die sie damals nur nicht gesehen hat.

Sarah entschied sich für ihr privates Glück. Sie hatte geheiratet und wünschte sich ein Kind. Die Geburt war schwer, danach rutschte sie in eine postnatale Depression, und sich Hilfe zu holen, war damals für sie noch kein Gedanke. Funktionieren und über die eigenen Grenzen gehen, das kannte sie. Nach etwa einem Jahr saß sie da und dachte, sie sei Anfang 30 und wolle nicht mehr traurig in der Ecke sitzen. Sie fing wieder an zu tanzen und holte sich ihre Freude zurück.

Wischiwaschi und das Wort Stimme

Was folgte, beschreibt Sarah selbst als Zickzackweg. Sie machte ein Business-Coaching, lernte EFT, eine Klopfakupressur, die sie Emotional Freedom Technique nennt, machte eine Therapie und besuchte Coachings. In der Corona-Zeit hörte sie ganz mit dem Singen auf und erhöhte die Preise für ihre Gesangsschüler so stark, dass sie wusste, sie würden gehen. Geplant war das nicht ganz, im Rückblick war es ihr Weg, Platz zu schaffen. Danach gab sie Self-Love-Face-Yoga-Kurse, vermietete eine Ferienwohnung und probierte vieles aus.

Mit Wischiwaschi verdienst du kein Geld.

Zu diesem Schluss kam sie irgendwann selbst. Den Wendepunkt brachte eine Fortbildung in Rhetorik, Verkaufspsychologie und Storytelling. Als Hausaufgabe sollte sie ein Gruppenprogramm mit allen Details entwerfen. Ihre Mentorin las die Entwürfe ohne Namen, erkannte Sarahs Programm trotzdem und fragte, warum darin nirgends das Wort Stimme steht. Sarah hat Operngesang studiert, und die Menschen, sagte die Mentorin, würden ihr Stimmtraining aus den Händen reißen.

Sarah wusste sofort, dass sie recht hatte. Im Gespräch mit einer Freundin, die sie seit ihrem 16. Lebensjahr kennt, wurde ihr klar, wie viel sie in eine Kiste gepackt und zur Seite geschoben hatte. Sie muss keinen Gesangsunterricht geben und kein Konzert singen. Mit ihrer Stimmexpertise und allem, was sie unterwegs gelernt hat, kann sie Menschen begleiten, die souverän auftreten und ihre Stimme finden wollen.

Zum Ausprobieren

Lies dein Angebot so, als würdest du es zum ersten Mal sehen, und such das Wort, das deine größte Stärke beschreibt. Steht es nicht drin, frag dich, ob du diese Stärke irgendwann weggepackt hast.

Zeig den Text jemandem, der dich lange kennt, so wie Sarahs Freundin seit dem 16. Lebensjahr. Von außen sieht man oft schneller, was fehlt.

Ohne Arie auf die Bühne

Im Sommer 2025 hat Sarah entschieden, dass sie jetzt Speakerin ist. Mit einer Speaker-Coachin an der Seite arbeitete sie ihre Geschichte heraus. Im Oktober 2025 stand sie zum ersten Mal als Speakerin auf der Bühne, bis zu unserem Gespräch waren es acht Auftritte, inzwischen auch auf größeren Bühnen, und in diesem Jahr wird sie zum ersten Mal dafür bezahlt. Auf Bühnen steht sie, seit sie fünf oder sechs Jahre alt war, mit Trompete, Ballett und Schauspiel.

Ihr erster Auftritt war für sie mörderheilsam, wie sie sagt. Sie musste keine Arie bis ins Kleinste ausfeilen und sich nicht zerlegen. Sie ging einfach als Sarah auf die Bühne, erzählte ihre Geschichte, und das Publikum mochte sie genauso wie beim Singen.

Wir wollen gesehen werden, wir wollen gehört werden, wir wollen geliebt werden.

Ich hatte mir für das Gespräch nur eine einzige Frage vorbereitet, und ich habe sie trotzdem gestellt: ob sie heute in der Mailänder Scala singen würde. Es kommt drauf an, sagt Sarah. Sie würde wieder üben und singen, wenn sie das Stück mag, wenn es um Gefühle geht statt um Perfektion und wenn sie nicht wie Knetmasse behandelt wird. Eine feste Stelle an einem Opernhaus schließt sie aus, weil du dort teilweise erst abends den Probenplan für den nächsten Tag bekommst und fragen musst, ob du ein Konzert am Wochenende annehmen darfst. Ihr Motto ist inzwischen ein schlichtes Why not.

Warum viele Frauen mit ihrer Stimme leiser auftreten

Sarah richtet ihr Marketing an Frauen, weil Frauen nach ihrer Erfahrung weniger Selbstbewusstsein mit ihrer Stimme haben als Männer. Dahinter steckt für sie das Thema braves Mädchen. Du darfst nicht zu laut sein, zu leise aber auch nicht, und das hängt vielen in den Knochen. Kommt trotzdem ein Mann zu ihr, weiß sie meist schon, dass er passt. Bei ihrem letzten Kunden verging zwischen erster Nachricht und Kauf kein ganzer Tag, bei Frauen dauert es dagegen manchmal Monate, weil erst die Frage geklärt werden will, ob sie in sich selbst investieren dürfen.

Wen du anziehst, wenn du dich zeigst, weißt du vorher nie genau. Sarah erzählt dazu von der Ferienwohnung, die sie mit Schminktischen in Rosé und Gelb für Junggesellinnenabschiede eingerichtet hatte. Gebucht haben Monteure, und ihr Fazit ist, dass die sogar besser sind, weil sie auch mal zwei Monate bleiben.

Was die Sarah von heute anders machen würde

Zum Schluss von Teil 1 habe ich Sarah gefragt, wie sie mit ihrem heutigen Wissen auf die Zeit im Studium schauen würde. Verletzlich wäre sie immer noch, sagt sie, und das findet sie gut, weil sie ein Mensch ist, der etwas spürt. Sie würde sich aber mental stärken lassen, mit Coaching oder Therapie, so wie Profisportler ganz selbstverständlich mentale Unterstützung haben. Sie würde sich weniger vergleichen und dafür sorgen, dass es ihr gut geht, weil nur eine freie Kehle eine freie Stimme hat.

Bereuen will sie nichts. In einer ihrer Speeches vergleicht sie Persönlichkeitsentwicklung mit einer Kläranlage, an deren Ende aus allem Schweren Gold wird. Gerade die schwierigen Erfahrungen helfen ihr heute, sich in andere einzufühlen. Ihr letzter Satz in Teil 1 ist mir geblieben: Sie fühlt sich heute so sehr als Sarah wie noch nie.

Franks drei Learnings

Was Frank aus dem Gespräch mitnimmt

  1. Ständiger Vergleich macht keine Stimme frei, Stärkung von Grund auf schon.
  2. Die eigene größte Stärke gehört ins Angebot, auch wenn sie einmal wehgetan hat.
  3. Aufhören kann der Weg sein, Platz für etwas Neues zu schaffen.

Wie es in Teil 2 weitergeht

Das war Teil 1 von 2. Im zweiten Teil erzählt Sarah, wie viel Überwindung es sie gekostet hat, öffentlich über Body Shaming in der Oper zu schreiben, und was danach passiert ist. Sie spricht über Sichtbarkeit und die Angst vor Ablehnung, über Leichtigkeit und Tiefe und darüber, warum sie ihren Kundinnen manchmal rät, sich bis Donnerstag schlechte Laune zu erlauben. Mehr über Sarah Funk findest du weiter unten.

Mehr über den Gast

Sarah Funk

Sarah Funk ist Bold Business Voice Mentorin, ehemalige Opernsängerin mit 30 Jahren Bühnenerfahrung, Sprecherin von mehr als zehn Hörbüchern auf Audible und Mentorin von mehr als 250 Frauen.

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