Paartherapie, wie aus Streit und Rückzug wieder Nähe wird | mit Susanne Schultes
Zweiter Teil mit Susanne Schultes, Paartherapeutin am Zürichsee. Nach dem ersten Teil über Kommunikation, Bedürfnisse und Angst wird es jetzt praktisch. Wie geht sie mit Misserfolg um, was steckt hinter dem ewigen Muster aus Vorwurf und Rückzug, und was kannst du selbst tun, bevor es festgefahren ist? Das ist ihre fachliche Sicht aus der Praxis, kein Ersatz für eine eigene Beratung.
Nicht jede Beziehung lässt sich retten
Susanne bleibt ehrlich. Nicht alles ist reparierbar. Wo schon zu viel Verletzung und Rückzug im Spiel sind oder wo es sogar Drohungen gibt, ums Geld, um die Kinder, gibt sie ab und verweist an eine Mediation. Sie arbeitet mit Paaren, die einander zugewandt sind und die Beziehung wirklich wollen. Mit ihrer Methode, der emotionsfokussierten Paartherapie, lässt sich vieles schnell entschärfen, doch wo tiefe Wunden sitzen, braucht neues Vertrauen einfach Zeit.
Das Muster aus Vorwurf und Rückzug
Im Kern steckt für Susanne ein Mechanismus. Der eine verfolgt und macht Vorwürfe, der andere zieht sich zurück und schützt sich, und beide bleiben allein in ihrer Not. Das Ganze nährt sich immer wieder selbst. Ihre Aufgabe ist es, den zerbrechlichen Moment zu schützen, in dem sich einer traut, sich zu öffnen, wenn etwa der Mann von seiner Sehnsucht spricht, für seine Frau da sein zu wollen. Genau dann darf nicht sofort wieder draufgehauen werden, denn für den, der verfolgt, genügt es gefühlt nie.
Wie sie bei sich bleibt
Weil die Arbeit viel Energie zieht, achtet Susanne bewusst auf sich. Sie arbeitet nicht von acht bis fünf durch, legt echte Pausen ein, geht mit dem Hund raus, nutzt Klopftechnik und Yoga und tauscht sich mit ihrem Mann aus. Sie wählt auch, mit welchen Fällen sie arbeitet. Vor allem erinnert sie sich an einen Satz, der entlastet. Sie ist nicht die Retterin, das Paar hat sich füreinander entschieden und macht die eigentliche Arbeit, sie begleitet es nur professionell. Bei ihr dürfen Paare sogar laut werden, das ist für sie kein Problem, weil sie die Not dahinter einordnen kann.
Warum sie Therapeutin wurde
Susanne kommt ursprünglich aus dem kaufmännischen Bereich. Der Wendepunkt war ihre Tochter und das Familienleben. Ihr fehlten die Werkzeuge für Beziehungen auf Augenhöhe, für ein Gespräch, in dem der andere nicht schon dichtmacht, bevor man den Mund aufmacht. Über die Gordon-Kommunikation fand sie einen Zugang. Sie selbst ist autoritär erzogen worden und wollte das, was sie als Kind erlebt hat, nicht weitergeben. Genau daraus wurde ihr Beruf.
Was du selbst tun kannst
Der wertvollste Teil sind Susannes Tipps für den Alltag. Sie hilft, den Vorwurf neu zu verstehen. Dahinter steckt fast immer ein Bindungsbedürfnis. In einem ruhigen Moment, bewusst nicht mitten im Streit, kann die eine Seite sagen, was ich eigentlich will, ist dich nicht verlieren, ich will sicher sein, dass du mich hörst. Die andere Seite wiederum kann sagen, mein Rückzug ist nur ein Schutz, weil ich das Gefühl habe, dir nie zu genügen. Zwei ehrliche Sätze, die den ganzen Ton verändern.
Selbstwert, für dich und für den anderen
Am Ende läuft vieles auf den Selbstwert hinaus, den eigenen und den, den du dem anderen gibst, indem du ihn wirklich siehst. Für Susanne ist die Beziehung das Tor zu dir selbst, eine Arbeit, die nie ganz fertig wird. Das reicht weit über die Partnerschaft hinaus. Wer zu Hause im Dauerstress steckt, kann im Beruf schwer wirklich präsent sein.
Nimm dir einen ruhigen Moment, bewusst nicht mitten im Streit, und sprich das Bedürfnis hinter deinem Verhalten aus. Sag zum Beispiel, was ich eigentlich will, ist dich nicht verlieren, oder beim Rückzug, das ist mein Schutz und kein Desinteresse.
Frag dich außerdem bei der nächsten Reiberei, was du eigentlich willst, Nähe oder recht behalten.
Was Frank aus dem Gespräch mitnimmt
- Hinter Vorwürfen und Rückzug steckt fast immer ein Bindungsbedürfnis.
- Sprich in ruhigen Momenten aus, was du wirklich brauchst, statt es im Streit rauszulassen.
- Gib dir und deinem Partner Wert, das wirkt bis in den Beruf.
Was du mitnehmen kannst
Wenn ich diesen zweiten Teil auf einen Gedanken bringe, dann diesen. Hinter Streit steckt selten Bosheit, meistens ein Bedürfnis nach Nähe, und wer das ausspricht, kommt sich wieder näher.
Das war Teil 2 von zwei mit Susanne Schultes. In Teil 1 ging es um Kommunikation, Bedürfnisse und die Angst dahinter. Die ganze Folge gibt es oben als Video und zum Anhören. Mehr über Susanne Schultes findest du weiter unten.